Aliens 1 - SC Lechhausen 1908 e. V. - Ein Schachclub in Augsburg.

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SC Lechhausen 1908
Können Aliens Schach spielen?
Und wenn ja, wie schlecht?
Gibt es »da draußen« noch irgendwelche andere Typen, die ihre rare Freizeit damit verbringen, Hölzchen über karierte Bretter zu schieben, anstatt etwas Sinnvolles zu leisten (z. B. das Kaffeegeschirr abzuspülen)? Das ist eine Frage, die uns schon immer umgetrieben hat, können wir sie beantworten?

Nun, ein sorgfältiges Studium der Dokumentarreihe Star Trek: Enterprise, speziell der Folge Beobachtungseffekt (Vierte Staffel, Teil 11), ermöglicht uns dies - und nicht nur das, wir sind vielmehr auch in der Lage, eine erste Abschätzung der Spielstärke, über die Aliens möglicherweise verfügen, zu geben.

Der Plot

Wir befinden uns im Jahr 2154 (also etwa 100 Jahre vor der Kirk-Spock-Ära). Die Datumsangabe ist etwas unpräzise, aber genauere Auskünfte zur Sternzeit werden damals offensichtlich noch nicht immer üblich gewesen sein werden. (Falls sich jemand über diese Zeitform wundern sollte: wir befinden uns schließlich momentan in der Gegenwart und betrachten diesen zurückliegenden Reisebericht aus der Zukunft in der Zukunft als Vergangenheit.)

In der Messe des Ausflugsdampfers Enterprise NX-01 entdecken wir Ensign Travis Mayweather und Lieutenant Malcolm Reed beim Schachspiel. Genaugenommen sind sie es aber nur physisch, denn ihre kleinen grauen Zellen sind derzeit von als körperlose Wesen existierenden Aliens widerrechtlich besetzt worden, die einfach mal gucken wollen, wie es sich als Mensch so lebt.  (Im Artikel behalten wir aber der Einfachheit halber die Namen der Usurpierten bei.) Man sieht also: Es gibt durchaus merkwürdige Existenzen in den unendlichen Weiten. Aber die sind wir ja auch schon aus den Schachvereinen gewohnt
Gewinn in acht Zügen?
Die erste Partie

Blende auf! Die Herren Mayweather (Bild 1, links) und Reed (ebd., rechts) haben ganz offensichtlich soeben eine Partie beendet, denn es entspinnt sich folgender Dialog:

M.:  »Sie werden in acht Zügen gewinnen.«
R.: »Sie fangen wirklich an, ein Gefühl für dieses Spiel zu entwickeln.«

Mooooooment, das wollen wir uns doch einmal näher anschauen. Betrachten wir dazu einmal dieses historische Fotodokument, aufgenommen zum Zeitpunkt der Mayweatherschen Aufgabe.

Was fällt als erstes auf? Verblüffenderweise ist das Schachbrett richtig orientiert aufgestellt:  »links unten« ein dunkles Feld. So ordentlich sieht man das im Film nicht alle Tage, und selbst ein Ex-Bundeskanzler und Ex- Bundeskanzlerkandidat (gescheitert) haben sich einstmals vor ein falsch herum stehendes Brett gesetzt, was dann auch von der nach Sensationen gierenden Weltpresse freudig aufgegriffen worden ist (hier z. B.).
Gewinn in 8 Zügen?
Bild 1
Gewinn in 8 Zügen? Das Brett.
Bild 2
Also, das bekommen die Jungs aus dem Weltall schon mal richtig hin.

Nun aber wühlen wir ein wenig in einer unserer rezenten Partiendatenbanken herum und stellen fest, dass es sich dabei fast haargenau um die Stellung handelt, die nach dem 29. Zug in der ersten Partie des »Mensch vs. Maschine«-Wettkampfes zwischen Garri Kasparow und Fritz X3D, New York 2003 entstanden ist - mit der geringfügigen, und für den weiteren Verlauf unbedeutenden Abweichung, dass der weiße König im Original auf c1 und nicht, wie hier, auf b1 stand. Möglicherweise haben die beiden die erwähnte Partie nicht genau genug abgekupfert, oder es hat irgendeine Subraumanomalie dazwischengefunkt.

Wie dem auch sei: Für uns Erdenmenschen ist das also selbst heutzutage nichts Neues, aber wir wissen sogar noch mehr: Es gibt da keinen Gewinn in acht Zügen!!! Kasparow und Fritz beendeten das Spiel allerdings tatsächlich nach der angesagten Zugzahl - mit einem Remis.

Fazit 1: Mit dem Schachgefühl des Herrn M. ist also doch noch nicht so weit her, mit dem des Kollegen R. aber auch nicht, sonst hätte dieser ja nicht jenem ein solches bestätigt.
[Event "Enterprise-NX01"] [Site "Irgendwo in der Milchstraße"] [Date "2154.??.??"] [Round "1"] [White "Reed, Malcolm"] [Black "Mayweather, Travis"] [Result "1-0"] [ECO "D45"] [PlyCount "58"] 1. Nf3 d5 2. c4 c6 3. d4 Nf6 4. Nc3 e6 5. e3 Nbd7 6. Qc2 Bd6 7. g4 (7. Be2 O-O 8. O-O b6 9. e4 dxe4 10. Nxe4 Nxe4 11. Qxe4 Bb7 12. Rd1 Qc7 13. Bd3 g6 14. Qh4 Rfe8 15. Ng5 Nf8 16. Ne4 Be7 17. Bg5 Bxg5 18. Qxg5 Red8 19. Nf6+ Kh8 20. Be4 Nd7 21. h4 Qd6 22. c5 Qf8 23. Bf3 Nxf6 24. Qxf6+ Qg7 25. Qf4 Rd7 26. Rd2 Kg8 { ...1-0, Kasparov Garry 2770 - De Poi Paolo 2169 , Asiago 1991 Simultan}) 7... Bb4 8. Bd2 Qe7 $11 9. Rg1 (9. g5 Bxc3 10. Bxc3 Ne4 11. Rg1 b6 12. Bd3 Nxc3 13. Qxc3 dxc4 14. Be4 Bb7 15. Qxc4 O-O 16. O-O-O f5 17. gxf6 Nxf6 18. Bc2 c5 19. d5 Nxd5 20. Ng5 h6 21. Qd3 Nf6 22. Nh7 Rad8 23. Qg6 Rxd1+ 24. Rxd1 Rf7 25. Nxf6+ Rxf6 26. Qh7+ Kf7 27. Ba4 Bd5 28. e4 Rf4 {...1/2-1/2, Krasenkow Michal 2702 - Vallejo Pons Francisco 2554 , Saint Vincent 2000 Ch Europe}) (9. h3 Bxc3 10. Bxc3 Ne4 11. Bg2 O-O 12. Nd2 Nxc3 13. Qxc3 b6 14. O-O Bb7 15. Rfe1 c5 16. cxd5 Bxd5 17. dxc5 Bxg2 18. Kxg2 {1/2-1/2, Vaisser Anatoli 2563 - Flear Glenn C 2503 , France 2003 Ch France (team) 2003}) 9... Bxc3 (9... b6 10. cxd5 cxd5 11. Bd3 Bb7 12. g5 Ne4 13. Nxe4 dxe4 14. Bxe4 Rc8 15. Qb3 Bxd2+ 16. Nxd2 Bxe4 17. Nxe4 O-O 18. Ke2 f5 19. Nd2 f4 20. Rac1 Rxc1 21. Rxc1 fxe3 22. Qxe3 Qd6 23. h4 e5 24. Rc4 Qd5 25. b3 b5 26. Rc7 Qd6 27. Rxa7 exd4 28. Qd3 Nc5 29. Qg3 { ...0-1, Markovic Miroslav 2558 - Sedlak Nikola 2423 , Subotica 2000 Ch Yugoslavia}) 10. Bxc3 Ne4 (10... b6 11. Nd2 h6 12. e4 dxe4 13. Nxe4 Bb7 14. O-O-O Nxe4 15. Qxe4 Nf6 16. Qe3 O-O-O 17. Be2 Qc7 18. h3 Rd7 19. Qe5 Qxe5 20. dxe5 Ne4 21. Rxd7 Kxd7 22. Be1 f6 23. exf6 gxf6 24. h4 e5 25. Bd3 Nd6 26. Bc3 c5 27. f4 exf4 28. Bxf6 Re8 29. Rf1 Be4 30. Kc2 {...0-1, Kotanjian Tigran 2272 - Ivanov Sergey 2574 , St. Petersburg 2000 Memorial M.Chigorin (open)}) (10... O-O 11. h4 Ne4 12. g5 Nxc3 13. Qxc3 e5 14. h5 f6 15. g6 h6 16. O-O-O Nb6 $10 { [%eval 0,0] CAP}) 11. O-O-O $146 (11. Bd3 Nxc3 12. Qxc3 dxc4 13. Bxc4 O-O 14. O-O-O b5 15. Bd3 Bb7 16. Ne5 Nxe5 17. dxe5 Rfd8 18. Kb1 a6 19. Qc2 g6 20. Be4 c5 21. Bxb7 Qxb7 22. Rd6 Rxd6 23. exd6 Qc6 24. Rd1 Rd8 25. Qd3 c4 26. Qd4 b4 27. d7 Qb5 28. Kc1 e5 29. Qd5 Qxd5 30. Rxd5 f6 {...1-0, Malakhov Vladimir 2677 - Potkin Vladimir 2516 , Toljatti 2003 Ch Russia (team)}) (11. cxd5 exd5 12. Bd3 O-O 13. O-O-O Re8 14. Be1 c5 15. Kb1 c4 16. Bxe4 dxe4 17. Ne5 Nxe5 18. dxe5 Qxe5 19. Qxc4 Qxh2 20. Bc3 Be6 21. Qd4 Qh6 22. g5 Qg6 23. Ka1 b6 24. Qd6 Rac8 25. Kb1 a5 26. Ka1 b5 27. Bxa5 Ra8 28. Qb4 Bxa2 29. Kxa2 Qb6 30. Rd6 Rxa5+ { ...0-1, Palo Davor 2484 - Nielsen Peter Heine 2620 , Skanderborg 2003 It "Samba Cup" (cat.16)}) 11... Qf6 12. Be2 Nxf2 (12... O-O 13. Be1 b5 14. g5 Qe7 15. Bd3 bxc4 16. Bxe4 dxe4 17. Qxe4 $14 {[%eval 33,0] CAP}) 13. Rdf1 Ne4 14. Bb4 c5 15. cxd5 exd5 16. dxc5 Qe7 17. Nd4 O-O 18. Nf5 Qe5 19. c6 bxc6 20. Bxf8 Kxf8 21. Ng3 Ndc5 22. Nxe4 Nxe4 23. Bd3 Be6 24. Bxe4 dxe4 25. Rf4 Bd5 26. Qc5+ Kg8 27. Rgf1 Rb8 28. R1f2 Qc7 29. Rc2 {An dieser Stelle finden wir nun den weißen König auf der Enterprise auf b1 wieder (eine Raumanomalie?), was aber für die weitere Betrachtung der Partie bedeutungslos ist. Auf jeden Fall wird "Mayweather" die Partie gegen Mitte des nächsten Jahrhunderts hier unverständlicherweise aufgeben.} Z0 ({In Kasparow - Fritz X3D, New York 2003, Partie 1, ging es folgendermaßen weiter:} 29... Qd7 30. h4 Qd8 31. g5 Bxa2 32. Rxe4 (32. Rd2 Qe8 33. h5 Bd5 34. h6 Qf8 35. Qd4 a5 36. Kd1 Rb7 37. Ke1 Rb8 38. Kf1 Rb3 39. Kf2 Rb8 40. Rd1 Rb5 41. Rd2 Rb8 $16 {[%eval 145,0] CAP}) 32... Qd3 33. Rd4 (33. Qf5 Be6 34. Qf4 Rf8 $14 {[%eval 60,0] CAP}) 33... Qxe3+ 34. Rcd2 Qe1+ 35. Rd1 Qe3+ 36. R1d2 Qg1+ 37. Rd1 {[%eval 0,0] Remis. Quelle: CA Hugebase; CAP = Computer Analysis Project}) 1-0
Die zweite Partie

Dieser Fehlschlag bezüglich der Stellungsbeurteilung hindert unsere Alien-Freunde jedoch nicht daran, weiter mit ihren Kenntnissen zu protzen:

M.: »32 Figuren, 64 Felder - das ist wirklich nicht so schwierig. Die Gesamtzahl der möglichen Ergebnisse ist limitiert!«

R.:  »Da haben Sie recht. Um genau zu sein: genau 10123 .«

Oh, in Mathematik haben sie mehr drauf, über den Daumen gepeilt stimmt das so in etwa. Jedenfalls gehen alle bekannten Berechnungen davon aus, dass  - rein theoretisch - mindestens 10120 unterschiedliche Partien mit einer Länge von 40 Zügen denkbar sind.
Gewinn in 5 Zügen?
Bild 3
Gewinn in 5 Zügen? Das Brett.
Bild 4
M. gibt nun schnell noch ein weiteres Mal an wie ein Pfund Gehacktes (»Genau das meine ich. Schach ist so berechenbar. Ich bin überrascht, dass man es überhaupt noch spielt.«), dann folgen einige Betrachtungen über die systemimmanente Beschränktheit der humanen Existenz und des menschlichen Geistes (da stimmen wir unumwunden zu) und es wird eine zweite Partie (mit vertauschten Farben) nachgeschoben, bei deren Ablauf wir diesmal von vorne bis hinten zuschauen können, und die schnurstracks nach dem sechsten Zug von Schwarz (6… Da5+) endet . (Bild 3, Bild 4)

M.: »Sie werden in fünf Zügen gewinnen.«

Na, die Partie kennen wir doch auch, die ist ein echter Kurzpartien-Klassiker: Richard Reti - Savielly Tartakower, Wien 1910. Und spätestens an dieser Stelle brechen unsere Zweifel an der intergalaktischen Schachkompetenz sich vollends Bahn, denn die beiden Schachkoryphäen liegen auch hier falsch.

Erstens gibt es für den Nachziehenden weit und breit keinen Gewinn in fünf Zügen, und zweitens stünde Weiß nach 7. Ld2 Dxe5 8.0-0-0 klar besser (was ja auch prompt in der erwähnten Partie gespielt wurde), so dass man sich fragt, warum der außerirdische Meisterspieler R. überhaupt eine für Schwarz so schwache Variante gewählt hat.

R.:  »Ich bin der Schiffs-Champion. Ich gewinne sämtliche Turniere.«

Nun ja, bei solchen Gegnern…
[Event "Enterprise-NX01"] [Site "Irgendwo in der Milchstraße] [Date "2154.??.??"] [Round "2"] [White "Mayweather, Travis"] [Black "Reed, Malcolm"] [Result "0-1"] [ECO "B15"] [PlyCount "12"] 1. e4 c6 2. d4 d5 3. Nc3 dxe4 4. Nxe4 Nf6 5. Qd3 $14 e5 (5... Nxe4 6. Qxe4 Nd7 $14 {/=} (6... Qd5 $14) 7. Nf3 Nf6 8. Qd3 Bg4 9. Ne5 Bh5 10. Be3 e6 11. Be2 Bxe2 12. Qxe2 Qa5+ 13. c3 Be7 14. O-O O-O 15. Bg5 Rad8 16. a3 Rfe8 17. Rfe1 Nd7 18. Bxe7 Rxe7 19. Qg4 Nxe5 20. Rxe5 Qb6 21. Qe2 Red7 22. Re1 h6 23. h3 Rd5 24. b4 a5 25. f4 {...0-1, Lauritsen Niels (DEN) 2280 - Kutirov Rolando (MKD) 2525 , Yerevan 1996 Schacholympiade}) (5... Nbd7 6. Bg5 (6. Nf3 Nxe4 $14) 6... Nxe4 7. Qxe4 Qa5+ 8. Bd2 Qd5 9. Bd3 Qxe4+ 10. Bxe4 Nf6 11. Bd3 e6 12. Nf3 b6 13. O-O Bb7 14. Rfe1 Be7 15. c4 O-O 16. Bc3 Rfd8 17. Rad1 Bf8 18. Ne5 c5 19. dxc5 Bxc5 20. b4 Be7 21. f3 Rac8 22. Bc2 Nd5 23. Be4 Nxc3 24. Bxb7 Nxd1 25. Bxc8 { ...0-1, Eichner Christian (GER) 2068 - Schubert Thomas (GER) 2362 , Radebeul 26.6.2016 Ch World (seniors) (team) (65+)}) 6. dxe5 Qa5+ {Hier wird nun dereinst eine weitere erstaunliche Aufgabe "Mayweathers" erfolgen.} ({Reti gewann gegen Tartakower, Wien 1910, nach} 6... Qa5+ {so:} 7. Bd2 Qxe5 8. O-O-O Nxe4 (8... Be7 $16 {[%eval 72,0] CAP}) 9. Qd8+ Kxd8 10. Bg5+ Kc7 11. Bd8#) 0-1
Fazit 2 und also das Gesamturteil: An Magnus Carlsen kommt vorläufig keiner vorbei - zumindest kein Alien.
SC Lechhausen 1908 e. V.
Simpertstraße 6 | 86153 Augsburg
Jugendtraining: Freitags ab 18:00 Uhr
Erwachsene: Freitags ab 19:00 Uhr
Online seit dem 7.1.1997
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